Arzt und Gesundheit

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte in der 1986 verabschiedeten „Ottawa Charta“ Gesundheit als einen Zustand vollkommenen physischen, psychischen sowie sozialen Wohlbefindens. Gesundheit ist somit maßgeblich geprägt von subjektiven Empfindungen, die bestimmt durch den Zeitgeist, gesellschaftliche Rahmensetzungen sowie den Kulturkreis ständiger Veränderung unterworfen ist. Insofern ergibt sich für das Thema „Gesundheit“ in einer vielfältigen Gesellschaft eine besondere Situation, der mit einer notwendigen „Kultursensibilität“ begegnet werden muss.

 

Die medizinische Versorgung von Asylbewerbern sowie geduldeten Personen beschränkt sich auf die Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzen. Sobald Geflüchtete eine Aufenthaltsgestattung (also fast alle in Ilvesheim) bekommen sind sie in der normalen gesetzlichen Krankenversicherung und haben vollen Zugang zur normalen medizinischen Versorgung.

 

Unsere Arbeitsgruppe "Arzt und Gesundheit" kann in vielen Situationen weiterhelfen sowie Ratschläge zur Arztwahl und -besuchen geben.

 

Sie können unsere Arbeitsgruppe direkt per email kontaktieren: gesundheit@integration-ilvesheim.de

 

 

 

Gesundheitsthemen

 

 

Psychische Traumata

 

Flüchtlinge aus Krisengebieten leiden vielfach unter traumatischen und psychischen Erkrankungen. Die derzeitigen Kapazitäten vor Ort sind sowohl quantitativ wie qualitativ darauf nicht ausgerichtet.

 

Seit 2015 fanden viele Menschen einen Zufluchtsort in Deutschland. Während der körperliche Allgemeinzustand der Neuzugewanderten als durchschnittlich, eher „gut“, bewertet wird, ergeben sich hinsichtlich psychischer Belastungen erhebliche Auffälligkeiten. Bereits 2006/2007, also noch bevor die großen Massen der Geflüchteten nach Deutschland kamen, stellte die Bundespsychotherapeutenkammer fest, dass mindestens die Hälfte der Ankommenden psychisch krank ist. Am häufigsten wurden posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen identifiziert.

 

2016 kommt die Bundespsychotherapeutenkammer zu dem Schluss, dass die psychotherapeutische Versorgung von Flüchtlingen hierzulande ungenügend ist. Laut Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) von 2016 ist die Rate der posttraumatischen Belastungsstörungen bei Geflüchteten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung bis um das 10-fache erhöht.

 

Flüchtlinge aus Krisengebieten leiden vielfach unter traumatischen und psychischen Erkrankungen. Die derzeitigen Kapazitäten vor Ort sind sowohl quantitativ wie qualitativ darauf nicht ausgerichtet.

 

Wir warten auf Programme, die adäquate Hilfe anbieten können. Wir glauben, es liegt im gesamtgesellschaftlichen Interesse, dass hier rasch Abhilfe geschaffen wird.

 

Depression

 

Unter den Geflüchteten begegnen uns immer mehr Menschen, die niedergedrückt und freudlos wirken, die von innerer Unruhe und Schlafstörungen berichten, erst gegen Mittag aus dem Bett finden, die ständig grübeln, Termine versäumen, sich nicht konzentrieren können oder sogar ihre Körperpflege vernachlässigen und nicht mehr regelmäßig essen. Manche sind auch ziellos unruhig. Einzelne Organbeschwerden können hinzukommen, bis hin zu einer ausgeprägten Schwäche des ganzen Körpers.

 

Dann muss man an eine Depression denken: Depression ist ein Zustand, in dem sich die Betroffenen minderwertig und den Anforderungen des Lebens über einen längeren Zeitraum nicht mehr gewachsen fühlen.

 

Depression im Wortsinn: Niedergedrücktheit.

 

Im Volksmund gibt es Begriffe wie „niedergeschlagen“, salopp auch „down“ oder „depri“. Das sagt man gelegentlich auch, wenn jemand „schlecht drauf“ ist. Solche Zustände hat sicher jeder schon erlebt.

 

Medizinisch spricht man von einer Depression oder von einer depressiven Episode, wenn entsprechende Symptome über mindestens mehrere Wochen bestehen. Depressionen können sehr schwer sein. Aber man kann sie behandeln.

 

Woran erkennt man eine Depression?

 

Die Symptome sind oft vielgestaltig und schwer zu deuten. Viele Menschen verdecken die Krankheitszeichen, weil sie sich schämen und weil es ihnen schwerfällt zu verstehen, dass sie an einer seelischen Störung leiden. Das ist schon in unserem Kulturkreis so. Erst recht gilt das aber bei Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund. Manche sagen: der ganze Körper sei krank, weil sie seelische Störungen gar nicht kennen.

 

Auch wenn man als Beobachter spürt, dass eher eine seelische Störung als eine körperliche Krankheit vorliegt, kann es sehr schwer sein, sich in einen depressiven Menschen hinein zu fühlen. Dem Kranken geht es schlecht, manchen ist alles dunkel und aussichtslos, sie sind in ihrer Traurigkeit gefangen und scheuen sich, das zu zeigen, indem sie es überspielen. Manche haben sogar die Hoffnung so sehr verloren, dass ihnen ihr Leben nichts mehr wert ist. Vor allem können sie nicht glauben, dass irgendein anderer Mensch sie versteht. Wenn ein Kranker dann hört, dass er sich einen Ruck geben müsse und dass das Leben doch schön sei, bestätigt genau das dem Depressiven, dass niemand versteht, wie sehr er leidet.

 

Wie kommt es zu der Krankheit?

 

Es gibt Menschen, die ohne äußeren Grund immer wieder zu Depressionen neigen. Bei anderen führt eine Summe von belastenden Lebenserfahrungen zur Depression. Wieder andere reagieren mit einer Depression auf belastende Ereignisse, wie viele Geflüchtete sie erlebt haben. Ein Trauerfall, aber auch Liebeskummer, kann eine Depression auslösen. Daneben gibt es auch körperliche Störungen oder sogar Medikamente, die für eine Depression verantwortlich sein können.

 

Der Weg zur Behandlung

 

kann sehr lang sein: einerseits schämen sich die Kranken. Es kann sehr schwer sein, „an sie heranzukommen“, ihr Vertrauen zu gewinnen. Viele versuchen, ihren Zustand zu verdecken oder suchen Erklärungen bei körperlichen Krankheiten, auf deren Untersuchung und Behandlung sie alle Hoffnung legen. Der Schlüssel liegt im Kontakt, im Verständnis für den Kranken.

 

Die Behandlung

 

beginnt mit der Diagnosestellung durch einen Arzt – dem Hausarzt, eventuell auch einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie kann Monate, manchmal auch Jahre dauern.

 

Besonders zu Beginn können Medikamente (Antidepressiva) helfen, die schlimmsten Symptome, vor allem Schlafstörungen, soweit zu lindern, dass wieder ein angemessener Tagesrhythmus entsteht und ein Gesprächskontakt zum Kranken möglich wird. Diese Medikamente machen niemals abhängig, aber sie müssen sehr zuverlässig eingenommen werden, weil sie ihre angestrebte Wirkung erst nach einer Anlaufzeit von bis zu mehreren Wochen entfalten. Nicht jedes Antidepressivum wirkt bei allen Menschen gleich. Es kann dauern, bis das richtige Mittel gefunden ist.

 

Wo die Sprachbarriere nicht zu hoch ist, gehört parallel eine Gesprächstherapie dazu. Das muss nicht immer eine Psychotherapie beim Facharzt sein: auch dafür können Hausärzte da sein. Der Kranke muss verstehen, dass man ihn versteht und ihn nicht nur mit Pillen abspeist. In Gesprächen kann er lernen, dass seine eigene Sicht auf sein Leben durch seine eigene Krankheit bedingt ist. Er kann schrittweise lernen, sich und sein Leben wieder als wertvoll anzusehen und die Freude am Leben wiederzufinden.

 

Das kann sehr schwer sein, wo Geflüchtete an ihren Lebensumständen verzweifeln. Dann sind praktische Hilfen, vor allem aber menschliche Nähe, das wichtigste Heilmittel.

 

Bitte wende dich bei Rückfragen an einen Hausarzt, z.B. an Dr. Friedrich-Karl Schmidt unter der Mailadresse: fkschmidt@gmx.net