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© Mannheimer Morgen 4. Juni 2016

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Reaktionen: Ein mutmaßlicher Terrorist hat offenbar schon länger in der Stadt gelebt /

Viele Bürger reagieren geschockt und ratlos.

Leimen sucht nach Antworten

Von unseren Redaktionsmitgliedern Caroline Blarr und Alexander Jungert

 

Leimen. Ecke Römerstraße/Rathausstraße in Leimen. Taxifahrer Riaz Chaudry macht Pause und lehnt an der Autotür. Sein Sohn Ahed macht es sich auf dem Fahrersitz gemütlich und spielt am Radio. Der Zehnjährige trägt ein Trikot von Neymar, dem brasilianischen Fußball-Nationalspieler. „Ich war in der Schule gleich hier um die Ecke und plötzlich war eine Nachricht auf meinem Handy mit den Worten: Terrorist in Leimen festgenommen. Da habe ich mich schon kurz erschrocken, ob vielleicht hier in der Schule eine Bombe ist.“

 

Vater Riaz streichelt ihm zärtlich über den Kopf. „Leimen ist eine friedliche, ruhige Stadt. Natürlich wird hier auch mal ein Fahrrad geklaut, aber im Großen und Ganzen klappt das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen doch ganz gut“, findet der 48-Jährige, der vor 24 Jahren aus Pakistan nach Leimen gekommen ist, ein kleines Haus gekauft und sein Glück gefunden hat.

 

So richtig zu fassen, was passiert ist, fällt den Leimenern schwer. Deutschlands Sicherheitsbehörden haben nach eigenen Angaben einen islamistischen Anschlag auf die Düsseldorfer Altstadt verhindert. Drei mutmaßliche Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wurden festgenommen, einer von ihnen – ein 31-Jähriger aus Syrien – in Leimen. Ausgerechnet.

 

„Es ist schon ein komisches Gefühl. Als ich Leimen und Terror gehört habe, dachte ich zuerst, die irren sich. Da muss es sich um ein anderes Leimen handeln“, sagt Jana Stahl, die gegenüber des Taxistandes in einer Bäckerei arbeitet. Aber es war kein Irrtum.

 

Es handelt sich tatsächlich um die kleine badische Stadt Leimen, ein paar Kilometer südlich von Heidelberg. Rund 26 000 Menschen leben hier. Dunkelgrüne Loren in rund acht Metern Höhe schaukeln über Wiesen und Straßen, vorbei an Wohnhäusern und Bäumen. Die Materialseilbahn von HeidelbergCement transportiert den Schotter von einem Steinbruch in Nußloch hier ins Zementwerk. In der Innenstadt stehen einige Fachwerkhäuser, es gibt viele Cafés und Restaurants. Dazwischen machen sich Wettbüros breit. In ein paar Tagen wird Leimens neue Oberbürgermeister Hans D. Reinwald ins Amt eingeführt, ein Mann der CDU.

 

Bernd Nemetschek, er koordiniert die Flüchtlingshilfe in Leimen, setzt große Hoffnung in Reinwald. Wenn der neue Oberbürgermeister da ist, will Nemetschek einen Runden Tisch mit möglichst vielen Vereinen und Organisationen anregen. „Wir haben vieles hier, um das wir uns kümmern müssen“, sagt er. „Obdachlose, arme Familien, ein knapper Wohnungsmarkt.“ Niemand soll den Eindruck erhalten: Für die Flüchtlinge tun alle etwas, für die anderen keiner. Nicht nur die große russland-deutsche Gemeinschaft beobachtet den Zuzug der Flüchtlinge skeptisch. Bei der baden-württembergischen Landtagswahl im vergangenen März hatte Leimen mit 22 Prozent die rechtspopulistische AfD gewählt.

 

Durch Zufall hatte Nemetschek von der Festnahme des mutmaßlichen IS-Terroristen in Leimen erfahren. Im ersten Moment reagierte er geschockt. Was bedeutet das wohl für die Flüchtlingsarbeit? Werden jetzt alle Migranten unter Generalverdacht gestellt? Gleichzeitig bemerkt er: In Leimen sei es am Tag nach der überraschenden Nachricht „relativ ruhig“. Die Sicherheitsbehörden hätten schließlich auch gute Arbeit geleistet und den Verdächtigen schnell festgenommen.

 

Nemetschek schlürft nachdenklich an seinem Kaffee der Bäckerei gegenüber des Taxistandes und lässt seinen Blick über die Straße schweifen. „Erst heute Morgen haben sich drei neue Interessierte gemeldet, die als Ehrenamtliche mitarbeiten wollen.“ Immer wieder unterbricht Nemetschek seine Sätze, um zu grüßen. Er kennt die Männer nebenan am Tisch. Ein ehemaliger Schützling von ihm, ein Architekt aus der Türkei hat sich mit zwei Flüchtlingen getroffen, um nun selbst zu helfen. „Das ist unser Prinzip. Wir bauen auf Hilfe zur Selbsthilfe. Wer schon mal beim Arzt oder auf der Behörde war, begleitet die Neuen beim nächsten Mal. Es soll keine so starke Abhängigkeit von uns Helfern entstehen.“ Rund 100 Ehrenamtliche arbeiten inzwischen in der Flüchtlingshilfe Leimen, einem Netzwerk aus Kirchen, Sportvereinen, Privatleuten. In den Leimener Unterkünften des Rhein-Neckar-Kreises leben rund 800 Menschen, teilweise schon seit mehr als einem halben Jahr. Nemetschek ist kein Träumer. Nüchtern stellt er fest, dass die Integration erst am Anfang steht.

 

„Viele denken doch, dass es mit dem Schließen der Grenzen getan ist. Wenn endlich alle ihr Asylverfahren abgeschlossen haben, warten die echten Herausforderungen. Dann strömen Zehntausende in die Jobcenter. Da müssen wir uns Lösungen überlegen, um soziale Spannungen zu vermeiden.“

 

So schnell bringt Nemetschek nichts aus der Ruhe. Dafür hat der 62-Jährige zu viel erlebt. Sein Beruf hat den Chemiker häufig ins Ausland geführt, mehrere Jahre hat er in Brüssel gelebt. „Wissen Sie, ich habe dort erlebt, wie so ein Problemviertel wie Molenbeek entsteht. Wenn sich diese Parallelgesellschaften erst einmal aufgebaut haben, ist es zu spät.“ Bei der Leimener Flüchtlingshilfe organisiert er Sprach- und Integrationskurse und Plätze an der Universität für seine Schützlinge. Die Flüchtlingsunterkunft in der Travemünder Straße ist so etwas wie sein neues Zuhause geworden in den vergangenen Monaten.

 

Dort steigt Mensur Wahabrebi, 27, aus Eritrea eilig auf sein Fahrrad. „Ich muss zur Sprachschule nach Heidelberg“, entschuldigt er sich. Seit ungefähr sechs Monaten lebt er in der Notunterkunft. Zehn Leute auf einem Zimmer. „Es ist schwierig. Es gibt viele Probleme“, sagt Wahabrebi.

 

Liebevoll spricht Nemetschek von „seinen Jungs“ im Camp. Auf eine Idee ist er besonders stolz. „Wir haben einen Rat mit jeweils zwei Leuten aus jeder Nation eingerichtet. Da werden alle Probleme besprochen.“ Wieder hebt Nemetschek die Hand. „Hi, wie geht’s?“, ruft er einer jungen Frau auf der Straße zu. „Alles gut. Sehen wir uns heute Abend auf der Vernissage?“ „Klar!“, ruft Nemetschek. Der Abendtermin ist Pflicht. Im Heidelberger Forum für Kunst wird die Ausstellung „Unterwegs – Menschen auf der Flucht“ eröffnet. „Sieben der Künstler kommen aus meinem Camp“, sagt er.

 

Ein hupender Auto-Corso bahnt sich den Weg durch die Stadt. Am Rathaus gibt es Sekt. Eine Hochzeitsgesellschaft ist in Feierlaune. Monika Motta, ihre Tochter Natascha und Enkel Luca schlendern währenddessen über den Rathausplatz. „Es wird sich jetzt nicht alles plötzlich ändern. Man kann ja in niemanden hineinschauen. So einen Schläfer kann es überall in Deutschland geben. Da muss keiner in Panik verfallen“, sagt Monika Motta entspannt. Und ihre Tochter ergänzt: „Mir tun die Flüchtlinge leid. Hoffentlich werden sie jetzt nicht alle in einen Topf geschmissen. Ich bin mit einer syrischen Familie befreundet. Was passiert ist, ist sehr schlimm für sie.“

 

Ein paar Meter um die Ecke, auf dem Georgi-Marktplatz, tollen ein paar Kinder am Springbrunnen herum. Die Mütter sitzen auf den Bänken rund um den Platz. Rania Yacoub lehnt den Kopf nach hinten, lässt die Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht fallen und schüttelt dabei, kaum merklich, den Kopf. „Eine Freundin hat mir alles erzählt. Ich bin sehr traurig. Ich bin selbst vor mehr als zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen. Ich verstehe diese Leute nicht. Sie machen alles kaputt. Ich habe Angst, dass die Stimmung kippt“, redet die 34-Jährige offen über ihre Gefühle.

 

In der Kurpfalzpassage packt Mecida Cetrez mit Sohn David Wassermelonenstücke in Folie. Die 64-Jährige ist seit 25 Jahren Inhaberin des Obst- und Gemüseladens. „Im ersten Moment macht eine solche Nachricht sprachlos. Dann fragt man sich: Kannte ich den Mann? Hat er vielleicht auch schon sein Obst hier gekauft?“ Schließlich kämen viele Flüchtlinge in den Laden. Cetrez ist seit 39 Jahren in Leimen – sie stammt aus der türkischen Provinz Mardin nahe der syrischen Grenze.

 

Flüchtlingshelfer Nemetschek will noch etwas loswerden. „Jedes Schicksal ist ein Fall für sich. Wenn ich eines in meiner Arbeit als Ehrenamtlicher gelernt habe, dann ist es die banale Tatsache, dass Menschen zu uns kommen“, sagt er. „Das lässt sich nicht sortieren in Nationalitäten, Muslime oder Christen, Illegale und Kriegsflüchtlinge. Da bringt jeder seine eigene Geschichte mit.“

 

Bestes Beispiel dafür: sein erster Schützling, der junge syrische Chemie-Student Nader Almoaaz. Er gelangte mit dem Geld, das seine Familie für ihn zusammengespart hatte, über das Mittelmeer, über Griechenland, Mazedonien bis nach Leimen. Dann wurden die Grenzen wieder geschlossen, sein Bruder saß in Idomeni fest. Aber Nader kämpft, findet in Nemetschek einen Förderer, der ihm einen Platz an der Uni verspricht. Seit Kurzem steht der junge Mann sogar im Heidelberger Theater auf der Bühne und erzählt in dem Stück „Stadt, Land, Flucht“ seine Geschichte. „Am Ende der Premierenvorstellung hat er mir auf der Bühne gedankt.“ Nemetscheks Augen glänzen ein wenig.

 

Eines haben die vergangenen Tage den Menschen in Leimen gezeigt: Der Terror findet nicht irgendwo am anderen Ende der Welt statt, er kann auch zu uns kommen. Manch einen lässt diese Erkenntnis noch ein wenig ratlos zurück. Warum hier? Was geht vor in einem jungen Menschen, der lieber sterben will, als sein Glück zu suchen? Wie geht es weiter mit der Integration der Flüchtlinge?

 

Bernd Nemetschek hat seine Antwort darauf längst gefunden. Mit einem einfachen Bild. Er stellt sich vor, dass in Europa irgendwann eine so heftige Natur-Katastrophe passieren könnte, dass alle Menschen fliehen müssen. „Wenn ich dann mit einem Sack Kleider an der Grenze zu Syrien stehe, würde ich hoffen, dass ihr auch das gleiche für mich macht und mich aufnehmt.“

© Mannheimer Morgen 4. Juni 2016


KOMMENTAR - © Mannheimer Morgen 4. Juni 2016 ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Walter Serif über die Festnahmen der Terrorverdächtigen in Deutschland und die Gefahr, dass Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt werden

Die Angst wächst

Walter Serif

Deutschland hat im vergangenen Jahr über eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Inzwischen ist von der Willkommenskultur nicht mehr viel übrig geblieben – der Pakt mit der Türkei und die Schließung der Balkanroute haben dazu geführt, dass nur noch wenige Migranten im Land ankommen. Darüber freuen sich nicht nur AfD und CSU, die noch heute Angela Merkels Flüchtlingspolitik verurteilen.

So seltsam es klingen mag, auch die Terrororganisation IS begrüßt den Rückgang der Flüchtlingsströme. Der Grund: Die Massenflucht aus dem Irak und aus Syrien war für den IS ein schwerer Schlag, weil sie beweist, dass viele Muslime lieber in Europa als im selbsternannten Kalifat des Islamischen Staats leben wollen. Das passt nicht ins Propaganda-Bild des IS, der sich als Heilsbringer für den fundamentalistischen Islamismus sieht und mit viel Geld und Frauen Kämpfer für den Krieg gegen die Ungläubigen angeworben hat. Am Ende soll ja der große Sieg stehen.

Im Irak und in Syrien wendet sich aber bereits das Blatt. Der IS hat dort militärisch viel Boden verloren und ist deshalb in die Defensive geraten. Sein Territorium wird immer kleiner. Die Antwort der Dschihadisten: Anschläge in Europa. Seit Paris weiß jeder, dass die Drohungen der Terroristen, die schon lange kursierten, kein bloßes Gerede waren, sie können ihre mörderischen Pläne offensichtlich auch in die Tat umsetzen.

Seitdem wächst die Terrorangst, und es ist bestimmt kein Zufall, dass die Karten für die Fußball-EM in Frankreich nicht so reißenden Absatz gefunden haben, wie es früher der Fall war. Fast zwei Drittel der Deutschen befürchten Anschläge während der EM. Die Lust auf Großveranstaltungen, die eben auch potenzielle Angriffsziele sein können, sinkt bei nicht wenigen Bürgern, selbst wenn sie nicht gleich in Panik verfallen. Die persönliche Risikoabschätzung hat sich aber verändert.

Für die Anschläge kann der IS – wie die Attentate in Paris und in Brüssel belegen – Dschihadisten rekrutieren, die viele Jahre in Frankreich und Belgien lebten oder dort sogar geboren wurden. Es hat sich aber auch gezeigt, dass die Terrororganisation Attentäter ins Land einschleust, die sich als Flüchtlinge tarnen. So war es jetzt auch bei den mutmaßlichen IS-Kämpfern, die nach Angaben der Sicherheitskräfte einen großen Anschlag in Düsseldorf planten. Alle drei Syrer kamen als Flüchtlinge nach Deutschland, einer von ihnen hielt sich in Leimen auf.

Die Gleichsetzung von Flüchtlingen mit Terroristen ist natürlich Unsinn, das hindert aber Rechtspopulisten nicht daran, an dieser Position festzuhalten. Nach den Festnahmen vom Donnerstag besteht die Gefahr, dass diese unsägliche Debatte an Fahrt aufnehmen wird. So will man einen Generalverdacht erzeugen, der gleichzeitig dazu dienen soll, die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin zu diskreditieren. Das aber genau beabsichtigt das Terrornetz. Es will die Ängste vor den Flüchtlingen schüren, damit die Europäer ihre Grenzen schließen.

Gleichwohl wäre es naiv zu bestreiten, dass die Bundesrepublik zu viele Flüchtlinge ins Land gelassen hat, ohne diese zu registrieren. Darunter dürften auch einige Terroristen sein. Sie auszusieben und zu überwachen – das ist eine schwierige Aufgabe. Die erfolgreiche Fahndung nach den Terrorverdächtigen legt den Schluss nahe, dass die Sicherheitsbehörden ihre Zusammenarbeit verbessert haben. Die Festgenommenen wurden über einen längeren Zeitraum beobachtet und engmaschig kontrolliert. Der entscheidende Tipp kam aus Frankreich, in diesem Fall hat die Terrorabwehr über nationale Grenzen funktioniert. Bleibt zu hoffen, dass der Zugriff kurz vor der Fußball-EM kein Zufall war und die Sicherheitsbehörden im Gegensatz zu früher auf Dauer an einem Strang ziehen.

Offensichtlich wächst auch der Druck der Fahnder auf die Terroristen. Dies erhöht die Chancen, dass einige ihm nicht mehr standhalten können und dann reinen Tisch machen. So soll es auch beim in Frankreich festgenommenen Saleh A. gewesen sein. Gebannt ist die Gefahr dadurch natürlich nicht. Der „Spiegel“ meldete, die Terrorzelle hätte den Anschlag mit zehn Kämpfern geplant. Und niemand weiß, wie viele Dschihadisten insgesamt in Europa unterwegs sind.

 

© Mannheimer Morgen 4. Juni 2016