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WERTERHALT- Bildvortrag des Seenotbeobachters Daniel Kubirski

 

Lesbos ist voller Kontraste, hier kann man Urlaub machen in der Sonne liegen und die Zeit genießen, aber wie gut schmeckt einem das noch, wenn man weiß, dass auf dieser Insel auch das größte Flüchtlingslager Europas liegt. Es ist mit 19 000 Menschen, die dort unter unwürdigsten Bedingungen ausharren müssen, hoffnungslos überfüllt.

Aber nicht nur hier sind Menschenrechte und Menschenwürde in eine bedenkliche Schieflage geraten. Griechenland teilt sich eine gemeinsame Grenze im Meer mit der nur wenige Kilometer entfernten Türkei. Von hier aus sind im vergangenen Jahr über 70000 Menschen nach Europa geflohen. Leider schafft dies nicht jeder und die Gründe dafür sind so vielfältig wie abgründig. Weil es dort Verstöße gegen geltendes Recht gibt, ist Mare Liberum mit einem Schiff in diesen Gebiet unterwegs um die Situation vor Ort und so nah dran wie möglich zu dokumentieren. Dieses kleine Schiff von gerade einmal 21 Metern, ist international mit Freiwilligen besetzt und versucht unter anderem auch mit seiner bloßen Präsenz zu verhindern, dass rechtsfreie Räume entstehen, in dem Küstenwachen agieren können wie sie wollen – oft mit illegalen Pullbacks oder Pushbacks. Also mit Aktionen die Flüchtende auf kleinen und unsicheren Booten zurück in die Gewässer außerhalb der EU zurück holen oder sie zurückweisen.

Oft werden Methoden angewendet, zum Beispiel Manöver die Wellen erzeugen um die Boote zur Umkehr zu zwingen. Letzteres ist gefährlich und es sorgt für unnötige Gefahr auf einer ohnehin schon unsicheren Überfahrt.

Die ganze Region ist inzwischen militarisiert, durch die Reibungen zwischen Griechenland und der Türkei ohnehin schon, doch die europäische Grenzschutzagentur Frontex bindet Kräfte aller Länder in die Grenzsicherung ein und errichtet eine Grenze die hochgerüstet und unüberwindbar sein soll. 

Was man auf Lesbos aber auch erlebt ist eine noch in weiten Teilen überzeugt solidarische Bevölkerung und trotz der Schwierigkeiten für Nichtregierungsorganisationen (NGO`s) dort Fuß zu fassen – es sind Genehmigungen und Bescheinigungen nötig um als NGO dort arbeiten zu können um auch vor behördlicher Willkür geschützt zu sein – trotz dieser Schwierigkeiten sind über 80 Organisationen und Initiativen dort aktiv, das ist eine Dichte an Solidarität die in Europa beispiellos sein dürfte.

Es gibt Orte, die die Flucht als solche sehr greifbar machen, man kann sie anfassen.

 

Am Korakas Lighthouse zum Beispiel liegen die Spuren dieser Fluchten und der Ankünfte am Ufer dieses felsigen, abweisenden Küstenabschnitts. Weil dieser kleine Leuchtturm für die Boote der Migranten einen Orientierungspunkt bietet, aber für jeden der es weiß, doch eher vor der Gefahr dieses gefährlichen Kaps warnt, zerschellen Boote hier. So wie es 2009 passierte als genau hier 8 Menschen starben. Darunter waren auch 4 kleine Kinder. An diesem Ort kann man nur niedergeschlagen da sitzen und das Gewicht des Wissens um diese Ereignisse, um vermeidbare Ereignisse ,drückt schwer auf meine Schultern.

Wer hier ankommt hat es schwer. Ist zwar erleichtert, kann nicht mehr ertrinken und fühlt sich bestimmt sicher und ist froh, doch das bekommt schnell einen Dämpfer.

Denn die anschließende Unterbringung im Lager Moria ist an Unwürde kaum zu überbieten. Moria ist ein ehemaliger Militärstützpunkt, der ab 2015 für die Unterbringung von zunächst 2500 Menschen ausgebaut wurde. Es kommen durchschnittlich 2500 Menschen auf Lesbos an – pro Monat. Man kann sich als ausrechnen wie schnell dieses Lager an seine Grenzen stieß. In dem man Wohncontainer enger stellte, aufeinander stellte, teils in der inzwischen dritten Schicht stapelte, hat man Menschen verdichtet. Und aus dieser Enge resultieren Frust, Angst, dann Gewalt. Es gibt in Moria, Konflikte, Vergewaltigungen, Raub und Mord. Das ist ein Zustand den keine der offiziellen Stellen auf der Insel mehr im Griff hat. So wie die Menschen sich dort in vielen Bereichen selbst organisieren müssen, verließen viele das enge und umzäunte Lager und siedelten im benachbarten Olivenhain. Die meisten von ihnen sind Familien und entsprechend hoch ist der Anteil an Kindern. Von ihnen haben viele aufgehört zu Spielen oder zu Sprechen, es gibt dreijährige die sich die Haare ausreißen oder jugendliche die ihrem Leben ein Ende setzen wollen.

Wer das Trauma von Krieg und das Trauma der Flucht erleidet, findet sich hier in einer erneut traumatisierenden Situation wieder:

Ein Camp in dem alles improvisiert ist, kaum Toiletten, Duschen auf die man bis zu fünf Stunden warten muss, unzuverlässige Stromversorgung, dazu ein gefährliches Umfeld und wild gewachsenes Chaos aus Zeltleinen, Stromleitungen, Matsch im Winter, Staub im Sommer, ein unüberschaubares Chaos in dem es schlecht riecht und in dem man nicht in Würde existieren kann.

 

Und trotz allem treffe ich hier auf eine Gastfreundschaft die mich mit Blick auf mein eigenes, privilegiertes Leben fast schon beschämt. Ich treffe Familien, die mir Tee anbieten, mich in ihre Zelte einladen, wir haben Zeit zum Erzählen. Wir sprechen über Vergangenes, die Gegenwart und Wünsche in der Zukunft. Sicherheit und Zukunft – das sind die Begriffe bei denen gerade die Eltern immer sorgenvoll auf ihre Kinder schauen. Wir teilen unsere Geschichten, ich bin beeindruckt von so viel Größe und als man sich verabschiedet wünschen sie mir auch noch Glück.

Ausgerechnet mir, der ohne Ängste und Gefahren lebt, der im Frieden und relativem Wohlstand aufwuchs und dem auch nicht droht, diese Privilegien zu verlieren. Mir, der mit seinem Pass als EU Bürger überall hin kann und dem sich kaum eine Tür verschließt, wünschen diese Menschen Glück.

Weil man mich mal danach fragte, erzähle ich was ich tat nach dem ich diesen Ort verließ:

Ich versteckte mich hinter einem der Olivenbäume etwas außer Sichtweite und heulte – weil ich mich als Europäer und als Mensch so sehr schämte für das was diesen Menschen passiert.

 

Moria ist das zynische Gegenteil von dem wofür Europa stehen will. Die Europäische Gemeinschaft, sich selbst als Wertegemeinschaft definierend, wurde 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Unter anderem für das Stärken von Menschenrechten. In Anbetracht dessen ist es ein Armutszeugnis zu sehen, was wir diesen Menschen, und das sind nicht nur die Menschen in Moria, anbieten. 

An vielen Orten gibt es diese Lager, auf weiteren griechischen Inseln, an allen Grenzregionen quer über den gesamten Balkan, auf Malta, Lampedusa, sogar in Frankreich am Ärmelkanal leben Menschen in erbärmlichen Zuständen. Das ist und passiert innerhalb der Grenzen unserer Wertegemeinschaft.

 

Ich habe mit den 6 engagierten Menschen auf dem Mare Liberum, diesem kleinen über 100 Jahre altem Schiff, ein Gegenteil gefunden. Eine von Grund auf aufrechte Haltung verbindet uns, und jeder kann etwas tun. Aktiv auf den Inseln, auf dem Meer, oder auch hier, sei es nur in dem man sich und andere informiert und interessiert, oder etwas spendet. Das alles in der Summe ist der Ausdruck einer funktionierenden Zivilgesellschaft, das ist ......

 

 

Diesen Vortrag zu besuchen, hätte sich mit Gewissheit auch für einen Vertreter des MM gelohnt. 

 

Text genehmigt und autorisiert von Daniel Kubirski

 

Ergriffenheit und Bestürzung war nach Beendigung dieses ausgezeichneten Vortrags mit eindrucksvollen Bildern im JUZ zu spüren. Nach einer Zeit des Schweigens entstand doch noch eine interessante Diskussion über das Leiden, die fehlende Verantwortung und die Uneinigkeit in der EU. Diese Willkür, diese Strapazen auf der Suche nach einem sichereren Leben am Rande des Wohlstandes Europas ist grausam und menschenunwürdig, wirkt beklemmend. Noch lange standen Gruppen von Besuchern diskutierend beisammen. 

 

Bevor Doris die Besucher, darunter Cindy Hopfensitz aus dem Ministerium für Soziales und Migration in BW, Günter Tschitschke als Stellvertreter des erkrankten Bürgermeisters Andreas Metz, Gemeinderäte der CDU, der Grünen und der Freien Wähler Fraktion für ihren Besuch dankte, verband sie dies mit einer ganz persönlichen Geschichte:

Ein Flüchtlingsjunge aus Syrien erzählte mir seine Erlebnisse von der Flucht aus seinem Land über die Türkei nach Griechenland nach Deutschland, bis zum Ankommen in Ilvesheim.

Das schlimmste, schmerzlichste Erlebnis war für Ihn die Überfahrt auf dem Mittelmeer von der Türkei nach Griechenland, als er im Schlauchboot saß mit seiner schwangeren Mutter und dem Vater. 

Das Boot war überfüllt und kenterte, alle Insassen vielen ins Meer. Sie waren 1 bis 2 Stunden im Wasser bis sie von einem Schiff gerettet wurden. Der Junge ist traumatisiert, er wacht nachts auf und schreit, hat große Angst. Die Eltern müssen ihn beruhigen, bis er wieder einschlafen kann. Manche durchleben ihr Leiden vielfach, bisweilen ein Leben lang. Er hat riesige Angst wenn er am Neckar oder am Schwimmbad steht und das viele Wasser sieht. Das ist ein Einzelschicksal aber ich denke, es gibt tausende Menschen mit ähnlichen Fluchterlebnissen.

 

Das Café der Kulturen hat mit diesem Thema bewusst die öffentliche Aufmerksamkeit auf diese Situation gerichtet, denn über diese Missstände kann man nicht oft genug berichten, um endlich einen solidarischen Wandel in der europäischen Migrationspolitik einzuleiten.

 

Texte und Photo: Daniel Kubirski / Laura Lies, Doris Hartmann, 

Dieter Münster

 

Weitere Informationen:

www.integration-Ilvesheim.de